Kreisverwaltung Wetterau

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Cellistin von Auschwitz zu Gast in der Wölfersheimer Singbergschule

Von links: Eike See, Vorsitzender des Fördervereins der Singbergschule, Erster Kreisbeigeordneter Jan Weckler, Uwe Hartwig, Lagergemeinschaft Auschwitz - Freundeskreis der Auschwitzer e.V., Beate Klüber, Fachsprecherin Geschichte, Fachbereichsleiter Uwe Müller, Oberstufenleiter Franz Wild zusammen mit Anita Lasker-Wallfisch vor der Lesung in Wölfersheim.

Vor gut 100 Schülerinnen und Schülern der Singbergschule Wölfersheim hat Anita Lasker-Wallfisch, die Cellistin von Auschwitz, über ihre Kindheit im Nationalsozialismus, ihre Zeit im Gefängnis und in den Konzentrationslagern Auschwitz und Bergen-Belsen gesprochen. Ermöglicht wurde das Zeitzeugengespräch mit der heute in London lebenden Musikerin durch die Zusammenarbeit von Wetteraukreis, Singbergschule und der Lagergemeinschaft Auschwitz - Freundeskreis der Auschwitzer e.V.

Die Zahl der Menschen, die aus eigenem Erleben vom Grauen des Nationalsozialismus erzählen können, wird kleiner. Mehr als 70 Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges und der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager gibt es Stimmen, die meinen, es wäre genug mit der historischen Aufarbeitung. „Genau das Gegenteil ist der Fall. Deshalb ermöglicht der Wetteraukreis auch solche Veranstaltungen“; sagt Erster Kreisbeigeordneter Jan Weckler.

Nach der Begrüßung durch Fachbereichsleiter Uwe Müller betonte Schuldezernent Weckler die Bedeutung von Zeitzeugengesprächen. „Anita Lasker-Wallfisch kann über Erfahrungen aus eigenem Erleben authentisch berichten. Das ist etwas anderes als in einem Buch zu lesen. Denn während der massenhafte Mord der Nazis nur fassungslos mache, ist es das einzelne Schicksal, das uns betroffen macht.“

Anita Lasker-Wallfisch wurde 1925 als Jüngste von drei Töchtern eines Juristen und einer Musikerin in Breslau geboren. Sie entstammt einer typisch jüdisch assimilierten deutschen Familie, die nur an hohen Feiertagen die Synagoge besuchte. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann Stück für Stück die Ausgrenzung. Am 9. November 1938, der Reichspogromnacht, wurden dann die niedrigsten Instinkte des Volkszorns geweckt. Der 9. November, so die Einschätzung von Frau Lasker-Wallfisch, war ein Test, wie weit man in Deutschland gehen könne. Die Erfahrung zeigte, man konnte sehr weit gehen. Der 9. November war der Auftakt. Er war das grüne Licht für die Judenverfolgung, der die Judenvernichtung folgte. Im April 1942 wurden die Eltern von Anita Lasker-Wallfisch deportiert. „Ich war damals 16 Jahre alt und habe nie wieder etwas von ihnen gehört.“

Sie und ihre ein Jahr ältere Schwester wurden in ein Kinderheim gesteckt. Statt in die Schule musste sie in einer Papierfabrik arbeiten. Durch ihre guten Französischkenntnisse gelang ihr der Kontakt zu französischen Kriegsgefangenen. Diesen verhalf sie durch gefälschte Pässe zur Flucht. Die „Karriere als Passfälscherin“ endete schließlich im Gefängnis und im November 1943 in Auschwitz, wo sie ein Jahr bleiben sollte. Bellende Hunde, ein ständiges Geschrei und ein unbeschreiblicher Gestank, das waren ihre ersten Eindrücke von Auschwitz.

"Ich war nicht mehr als eine 'Nummer'"

69388, diese Nummer trägt Anita Lasker-Wallfisch noch heute auf ihrem Unterarm. „Ich war, wie die anderen Häftlinge auch, eine Nummer, der Persönlichkeit beraubt.“ Anita Lasker-Wallfisch hatte aber viel Glück. Im Lager gab es eine Kapelle, die morgens und abends mit Märschen aufspielte, wenn die Masse der Häftlinge zur Arbeit ging oder von der Arbeit kam. „In der Kapelle fehlte eine Cellistin, dieser Zufall hat mir letzten Endes das Leben gerettet. Trotz der miserablen Haftbedingungen, des ständigen Hungers, des Lärms, des Geruchs nach Leichen gab es immer noch eine ‚Art von Leben‘. Die Gedanken drehten sich nur um das Überleben.“

Im Oktober 1944 wurde Anita Lasker-Wallfisch schließlich mit 3.000 anderen Häftlingen nach Bergen Belsen gebracht, ein Lager, das Platz für 1.000 Menschen bot. „Wir verbrachten die ersten Nächte in eiskalten Zelten auf dem nackten Boden. Die Menschen starben wie die Fliegen.“ So war es noch im April 1945, ein außergewöhnlich heißer Monat, wo tausende Häftlinge auf die Befreiung durch die Engländer warteten. Am 15. des Monats war es endlich so weit, die Engländer kamen. „Wir schauten nur stumm auf unsere Befreier, zum Jubeln fehlte uns einfach die Kraft.“

Nach dem Krieg ging Anita Lasker-Wallfisch nach England, wo sie als Berufsmusikerin im renommierten English Chamber Orchestra Karriere machte.

„Lange Zeit habe ich mich geweigert, nach Deutschland zu kommen, aber ich wollte noch einmal den Ort Bergen-Belsen sehen, und meine Begegnungen mit Deutschen haben mich davon überzeugt, dass es wichtig ist, etwas von dem weiterzugeben, was ich erlebt habe. Es wäre beruhigend zu wissen, dass die Nazis Teufel waren. Sie waren es nicht, sie waren ganz normale Menschen.“

Nach der Lesung nutzten die Schülerinnen und Schüler ausgiebig die Chance Frau Lasker Wallfisch zu befragen. Wie soll man mit Holocaustleugnern umgehen, wie mit der Neuen Rechten? Welche Gedanken hat man wenn man das KZ überlebt? Was kann man jungen Leuten an Botschaften mitgeben? Diese Frage hat die außerordentlich rüstige 91-jährige besonders bewegt. „Frieden und gegenseitiger Respekt seien nötiger als je zuvor. Sie, als junge Menschen, haben dafür eine besondere Verantwortung.“

Erster Kreisbeigeordneter Weckler hatte zu Beginn der Veranstaltung gesagt, dass eine solche Lesung für lange Zeit im Gedächtnis bleibe. Die klugen Fragen und die Ernsthaftigkeit der jungen Leute während der Lesung zeigten, dass Weckler wohl Recht behalten wird.

veröffentlicht am: 20.03.2017

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