Landrat Arnold: Das Geschehene nicht vergessen und für die Zukunft lernen

Landrat Arnold: Das Geschehene nicht vergessen und für die Zukunft lernen

Landrat Arnold: Das Geschehene nicht vergessen und für die Zukunft lernen


Jährlich besuchen mehr als eine Million Menschen aus der ganzen Welt das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz. Im Juni unternahm Landrat Joachim Arnold gemeinsam mit Wetterauer Kommunalpolitikern und Mitgliedern des Kreisschülerrates eine privat finanzierte Studienfahrt. "Erinnern ist wichtig, denn das Geschehene ist zu schmerzlich, als dass wir es vergessen könnten", sagt Arnold. "Wer hier war und mit eigenen Augen die Zeugnisse dessen gesehen hat, was Menschen einander antun, kann den Holocaust nicht leugnen. Der Blick in die Vergangenheit braucht aber auch den Blick in das Heute und das Morgen, und unseren Einsatz, damit Gleiches oder Ähnliches nicht mehr geschieht."


Schuh

Die Restaurierungswerkstatt im ehemaligen Stammlager sorgt dafür, dass die Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät: Wie dieser Schuh, dessen Trägerin vor mehr als 65 Jahren in Auschwitz starb.

Sommerliche Wärme, zwischen den übrig gebliebenen Holzbaracken wächst Gras, die Vögel singen. An die 300 Baracken, die Birkenau, Auschwitz II, zur Zeit seiner größten Ausdehnung zählte, erinnern nur noch Schornsteine. Je zwei von ihnen stehen für eine Baracke. Am Ende des dritten Bahngleises, das sich neben der Selektionsrampe längs durch das Lager zieht, zeugen die Reste zweier von der SS gesprengter Krematorien von dem, was hier geschah. Metallgerippe ragen in die schwüle Luft, die wegen des sumpfigen Bodens voll mit Mücken ist. Neben dem Krematorium ein kleines idyllisches Wäldchen, in dem sich vor mehr als sechs Jahrzehnten Menschen nackt ausziehen mussten um anschließend nicht zur Dusche, sondern in die Gaskammer zu gehen. Immer wieder schwarze Marmorstelen, die auf die Asche derer hinweisen, die hier verbrannt wurden. Asche, die als Dünger in die neben jedem Krematorium angelegten Fischteiche gekippt wurde. Der Rauch, der bis Ende 1944 beständig über Birkenau zog hatte auch die Vögel vertrieben. Heute singen sie wieder.  

Organisiert wurde die Studienfahrt durch Diethardt Stamm von der Lagergemeinschaft der Auschwitzer. Auf dem Programm standen Besichtigungen der Lager Auschwitz I und Birkenau, Gespräche mit Zeitzeugen und ein Besuch in der Stadt Oswiecim, die kleinstädtisches Leben in unmittelbarer Nachbarschaft zum ehemaligen Vernichtungslager verwirklicht. Oswiecim war dank seiner verkehrstechnisch günstigen Lage mitten im deutschen Industriegebiet des damaligen Deutsch-Oberschlesien ein geeigneter Standort für die Ziele der Nazis. Neun Dörfer rund um Oswiecim hatten die Nazis abreißen lassen, um Platz für das Konzentrationslager samt 40 Nebenlager zu haben. Beim deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 zählte die Kleinstadt rund 14.000 Einwohner, davon 7.000 jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger. Heute lebt kein einziger Jude mehr in Oswiecim.  

Das Stammlager Auschwitz I bauten die Nazis auf dem Gelände einer ehemaligen polnischen Kaserne Anfang der 19040er Jahre. Die ersten Häftlinge waren Angehörige des polnischen Widerstandes, ab 1941 sowjetische Krieggefangene, ab 1942 im Rahmen der so genannten "Endlösung" Juden aus den Teilen Europas, die die Nazis besetzt hielten und ab 1943 zunehmend Sinti und Roma. Sowjetische Kriegsgefangene, Juden, Sinti und Roma sind die wichtigsten Opfergruppen des ehemaligen Vernichtungslagers. Den Nazis war es gelungen, ganz Europa so zu organisieren und Menschen in einer Weise zu behandeln, wie es für uns unvorstellbar ist.  

"Hier wurde alles genommen, was Menschsein ausmacht"  

Einigkeit herrschte in der Reisegruppe darüber, dass nach einem Besuch von Auschwitz keiner ernsthaft den Holocaust leugnen kann. "Im Gegenteil, ich kann jetzt noch glaubhafter gegen Rechts argumentieren", sagte Jutta Heck, CDU-Abgeordnete des Kreistages. Für Peter Hartung, Kreistagsabgeordneter der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, ist "Auschwitz etwas, was nie aus der Welt verschwinden wird. Hier wurde alles genommen, was Menschsein ausmacht." 

An der Fahrt nahmen auch drei Vertreter des Kreisschülerrates teil. Lena-Marie Nachtigall, Tim Wagner und Natalie Pawlik. Lena-Marie Nachtigall verspürt unter Jugendlichen eine Tendenz nach Rechts, "da ist es gut, dass wir etwas dagegenhalten", sagte sie. Für Tim Wagner ist die Internationale Jugendbegegnungsstätte ein Gegenpol und eine Antwort auf Auschwitz. "Ich habe noch nicht alles sortiert, was ich hier gesehen habe, aber es hat mich sehr beeindruckt. Besonders die hautnahe Begegnung mit der Reisegruppe israelischer Soldaten hat in mir ein Verständnis für die Politik der Israelis wachsen lassen, die ich bislang kritisch gesehen habe." Wagner will auf jeden Fall noch einmal mit einer Gruppe herkommen und sich inhaltlich näher mit der Thematik beschäftigen. Auch Natalie Pawlik will sich dafür einsetzen, dass noch mehr Schüler nach Auschwitz fahren, denn ein Besuch in Dachau oder Buchenwald sei kein Vergleich zu Auschwitz. Die Schülerin ist sich sicher: "Ich war hier nicht zum letzten Mal hier." 

Dass es rund 20 Jahre nach Auschwitz in Deutschland wieder Stacheldraht und Todesstreifen an einer innerdeutschen Grenze gab, zeigt, dass Geschichte sich wiederholt. "Menschen geißeln, was andere tun und handeln doch selbst ähnlichgleich. Das passiert auf der ganzen Welt und wir müssen uns überlegen, warum gehen die Menschen so miteinander um und was tun wir dagegen", fragte der SPD-Abgeordnete Karl-Heinz Schneider. 

Arnold: Deutsch-polnische Jugendbegegnung fördern  

Arnold erinnerte daran, dass "der Wetteraukreis der einzige in Hessen ist, der seit 25 Jahren kontinuierlich und über alle Parteigrenzen hinweg, Fahrten von Schulklassen zu Gedenkstätten fördert." Gemeinsam mit den Wetterauer Kommunalpolitiker kann Arnold sich vorstellen, in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Generalkonsulat in Krakau jährlich deutsch-polnische Gruppen zu fördern, die gemeinsam Auschwitz besuchen. "Polnische und Wetterauer junge Leute könnten eine Woche in Auschwitz verbringen. Dies würde den gegenseitigen Dialog fördern", sagt der Wetterauer Landrat, "denn für Polen und Deutsche hat Auschwitz jeweils eine andere Bedeutung."  

Auschwitz: der zivilisatorische Tiefpunkt der Menschheit 

Auschwitz ist ein Friedhof, der zivilisatorische Tiefpunkt der Menschheit und ein Ort des Lernens. Diejenigen, die für den Massenmord an Millionen Menschen verantwortlich sind, waren ganz normale Menschen. Dies zeigt: es kann immer wieder passieren. Gerade deshalb sei es so wichtig, "jungen Menschen bewusst machen, dass Rechtsextremismus kein Spiel ist", betont Landrat Arnold. "Wir müssen sie hierher bringen, denn jeder, der hier war, ist ein Multiplikator. Es gibt keine Schluckimpfung gegen den Rechtsextremismus, aber ein Besuch in Auschwitz kann eine Initialzündung sein, wo thematisch etwas hängen bleibt, man sich aber weiter damit beschäftigen muss."


Erstellt am: 2010-07-12