Vor dem Reden auf die Stimme der Erde von Auschwitz hören

Vor dem Reden auf die Stimme der Erde von Auschwitz hören

Vor dem Reden auf die Stimme der Erde von Auschwitz hören


Im Juni unternahm Landrat Joachim Arnold mit Wetterauer Kommunalpolitikern und Mitgliedern des Kreisschülerrates eine privat finanzierte Studienfahrt in das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz. Hier leisten die Internationale Jugendbegegnungsstätte und das Zentrum für Dialog und Gebet eine wichtige Arbeit. "Erinnern ist wichtig, denn das Geschehene ist zu schmerzlich, als dass wir es vergessen könnten, wir müssen aber auch unseren Beitrag dazu leisten, dass Gleiches oder Ähnliches nicht mehr geschieht." Wichtige Bausteine dabei sind Verstehen und Dialog. 

Bild Gedenkstätte

Eingangsportal der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oswiecim

Mehr als eine Million Menschen aus der ganzen Welt besuchen jährlich das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz. An zwei Einrichtungen in Oswiecim kommt man dabei nicht vorbei: der Internationalen Jugendbegegnungsstätte (IJBS) und dem Zentrum für Dialog und Gebet Die IJBS entstand aus der Idee, direkt vor Ort ein Haus der Verständigung für junge Menschen aus Polen und Deutschland zu bauen. Die Initiative hatte die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, unterstützt durch die Stadt Oswiecim. Anfänglich wurde die räumliche Nähe zum ehemaligen Vernichtungslager mit Skepsis gesehen, doch Zeitzeugen sahen das anders: Ein offener Dialog könne nur in der Konfrontation mit der Vergangenheit und der Geschichte vor Ort entstehen. Der Erfolg gibt ihnen Recht: Die IJBS ist Ziel von Jugendlichen und Erwachsenen aus mehr als 30 Ländern auf der ganzen Welt. Mehr als 2.000 Gruppen war hier seit seiner Gründung im Jahr 1986 zu Gast und das Haus ist stets so ausgebucht, dass sich Reisegruppen ein Jahr im Voraus anmelden müssen.

Die Arbeit der Begegnungsstätte wird von zwei Gedanken getragen: Auschwitz ist eine zu schmerzliche Erfahrung als dass man sie einfach vergessen könnte und aus der Geschichte lassen sich Lehren für die Zukunft ziehen: Dass sich durch gegenseitiges Kennenlernen und die Auseinandersetzung mit der Geschichte Ängste, Vorurteile und Feindseligkeiten abbauen lassen.

Ella Pasternak, pädagogische Mitarbeiterin, benennt die drei wesentlichen Arbeitsbereiche der IJBS: Vermittlung der geschichtlichen Wahrheit durch Konfrontation mit dem Konzentrationslager und Zeitzeugen; Begegnung zwischen Polen und Deutschen, die interkulturelles Lernen und Arbeiten an Vorurteilen und Stereotypen möglich macht; Sensibilisierung auf die aktuellen gesellschaftlichen Probleme wie zum Beispiel Rassismus, Menschenrechte oder Zivilcourage.

"Hören auf die Stimme dieser Erde"  

Versöhnung und Verständigung sind auch die Anliegen des 1992 eröffneten Zentrums für Dialog und Gebet. Es ist ein gastfreundlicher Ort, der Begegnung, Gespräch, Lernen, Besinnung und Gebet ermöglicht und unabhängig von religiöser Orientierung Raum bietet für alle Menschen. Mehrtägige Aufenthalte, Besichtigungen, Gespräche mit ehemaligen Häftlingen und Besinnungszeiten sind hier möglich. Leiter der Programmabteilung ist der aus der Diözese Aachen stammende und seit 20 Jahren in Polen lebende Pfarrer Dr. Manfred Desealaers. Wer nach Auschwitz kommt, ist von der Begegnung mit der Geschichte zutiefst berührt: "Was bedeutet es für mich? Wo wäre ich damals gewesen? Wo habe ich heute zu sein?", fasst Pfarrer Deselaers die wichtigen Fragen zusammen.

  Vor dem Dialog stehe jedoch das Schweigen und das Hören auf die Stimme dieser Erde, auf das, was hier passiert ist. Wo Auschwitz für die Vernichtung von Beziehungen steht, will das Zentrum ein Ort der Heilung von Beziehungen sein, ein Ort, wo Begegnung möglich wird: mit ehemaligen Häftlingen, mit Jugendlichen aus Polen, Deutschland und anderen Ländern, mit Professoren, Priestern und Rabbinern. "Eine Begegnung am Rande von Auschwitz ist stets eine Begegnung von Verletzten", sagt Deselaer: "Juden erinnern sich an den Versuch der totalen Vernichtung, Polen an die wiederholte Vergewaltigung durch Mächtige in der Geschichte, und für die Deutschen ist es die große Frage der Schuld." Das Zentrum für Dialog und Gebet will deshalb eine Atmosphäre schaffen, wo alle mit ihren Verschiedenheiten und Wunden angenommen sind. "Vor den Wunden nicht davonzulaufen, sondern sie anschauen und sie berühren, denn nur daraus wird unser Leben stärker", sagt Desealaers.


Erstellt am: 2010-07-21