Betschel-Pflügel: Wir suchen dringend Pflegeeltern
Betschel-Pflügel: Wir suchen dringend Pflegeeltern
"Wir suchen dringend Pflegefamilien und Bereitschaftspflegefamilien, die bereit und in der Lage sind, Kindern in schwierigen Situationen auf Dauer oder auf Zeit ein Zuhause zu bieten." Erster Kreisbeigeordneter Helmut Betschel-Pflügel appelliert an mehr Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung für Kinder in Notsituationen.
Tim ist zehn Monate alt, für Ihn werden dringend Pflegeeltern gesucht. Seine leiblichen Eltern sind mit seiner Pflege vollkommen überfordert. Selbst noch jung an Jahren ist ihre Beziehung alles andere als stabil, dazu kommen Arbeitslosigkeit und ein Vater, der zu viel trinkt.
"Als die Kolleginnen des Allgemeinen Sozialen Dienstes in die Familie gekommen sind, hat sich uns ein schlimmes Bild dargestellt: Die Wohnung war vermüllt, das Kind total unterversorgt, die Eltern mit der Versorgung von Tim völlig überfordert", beschreibt Yvonne Messinger, Leiterin des Fachdienstes Jugendhilfe beim Wetteraukreis, die Situation. Tim wurde in einer so genannten Bereitschaftspflege-Familie aufgenommen.
Nicht viel besser war die Situation von Theresa. Die Dreijährige wurde geschlagen, aber auch vernachlässigt. Nach vier Wochen in der Bereitschaftspflege-Familie hat sie angefangen zu sprechen und gewöhnt sich schneller als erwartet in eine neue Umgebung ein. Für sie wird jetzt ein dauerhafter Platz in einer Pflegefamilie gesucht.
"140 Pflegefamilien gibt es in der Wetterau, die meisten haben ein, nur wenige zwei Pflegekinder", erläutert Yvonne Messinger. Viele bleiben bis zur Volljährigkeit, nur wenige kehren in die Familien zurück. Da viele der Pflegekinder schon im relativ frühen Alter zu ihrer Pflegefamilie kommen, entwickelt sich so eine Beziehung, die über zehn, zwölf Jahre geht und oft noch über die Volljährigkeit hinaus andauert.
Die Menschen, die sich dazu bereit erklären, Pflegekinder aufzunehmen, kommen aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Es muss nicht unbedingt die traditionelle Familienkonstellation sein, auch Einzelpersonen oder gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften kommen als Pflegefamilie in Frage, sowohl mit als auch ohne Kinder. Allerdings werden einige Voraussetzungen erwartet: So darf es keine Abhängigkeit von dem Pflegegeld geben. "Wir erwarten, dass zumindest ein Partner zu Beginn der Pflegezeit zu Hause bleibt, um sich ausreichend um das Kind zu kümmern", sagt Yvonne Messinger, "denn die meisten Kinder, die wir aus den Familien herausnehmen müssen, leiden unter Vernachlässigung."
Inobhutnahme – Wenn das Wohl des Kindes gefährdet ist
"Überhaupt ist die Inobhutnahme erst der letzte Schritt. Wir versuchen die Familienverhältnisse zu stabilisieren und bieten Unterstützung, wo es nur geht", erläutert Erster Kreisbeigeordneter und Sozialdezernent Helmut Betschel-Pflügel. Oft wissen die jungen Familien selbst nicht um die Bedürfnisse ihrer Kinder. Häufig sind psychische Erkrankungen im Spiel, Alkohol und Drogen oder einfach Unreife. "Ein leichter Schritt ist die Inobhutnahme nicht. Es ist das allerletzte Mittel, erst dann wenn klar ist, dass die Familien auch mit Unterstützung nicht mehr weiterkommen und das Wohl des Kindes akut gefährdet ist", ergänzt Fachdienstleiterin Messinger.
Die Zahl der Kinder, die aus den Familien herausgeholt werden müssen, steigt. Das liegt weniger an der Zunahme der Fälle als mehr an der gestiegenen Sensibilität. Messinger: "Man schaut genauer hin, auch die Nachbarn melden sich, wenn ihnen etwas seltsam vorkommt und das ist auch gut so."
Bereitschafts-Pflegefamilien besonders gesucht
In einem ersten Schritt kommen die Kinder nach der Inobhutnahme in eine Bereitschafts-Pflegefamilie. Voraussetzung dafür ist, dass man sich bereiterklärt, auch sehr kurzfristig, ein Kind aufzunehmen. Im Wechsel mit den rund 15 Bereitschafts-Pflegefamilien in der Wetterau hat man für einen gewissen Zeitraum Bereitschaftsdienst, das heißt, in dieser Zeit kann sehr kurzfristig, möglicherweise abends und am Wochenende, ein Kind zur Bereitschaftspflege gebracht werden.
Auch hier gibt es einige Voraussetzungen, wie etwa genügend Zeit, aber auch Mobilität und einen Lebenspartner, der möglichst zu Hause bleiben soll, um sich ausreichend um das Kind zu kümmern.
Die Dauer einer Bereitschaftspflege reicht von mehreren Tagen bis zu einigen Monaten. Wichtig ist, dass die Bereitschafts-Pflegefamilie dem Kind alles zur Verfügung stellt, was es benötigt. Danach wird relativ kurzfristig geschaut, wie die weiteren Perspektiven für das Kind sind: Kann es zurück in die Familie oder muss es dauerhaft in eine Pflegefamilie, die auch einen Schutzraum bieten soll und Geborgenheit herstellt für diese Kinder. Eine Garantie, dass das Kind dauerhaft in der Pflegefamilie bleibt, gibt es nicht. Die Erfahrungen zeigen aber, dass die meisten Kinder dann auch in der Pflegefamilie bleiben.
Wer sich für ein Pflegekind entscheidet, der übernimmt eine große Verantwortung. Aber es ist auch wunderbar, wenn man sieht, wie Kinder wieder aufblühen. "Kinder haben ein Gespür für die neue Atmosphäre, sie leben richtig auf und holen in der richtigen Umgebung schnell das Versäumte auf", weiß Yvonne Messinger aus Erfahrung.
Der Weg zum Pflegekind
Wer die Verantwortung für ein Pflegekind übernehmen möchte, wendet sich zunächst einmal an den Fachservice Pflegefamilien, das ist die Arbeiterwohlfahrt in Butzbach, Telefon: 06033/615-0 oder in Nidda 06043/9869-706 oder die Evangelische Familien-Bildungsstätte Wetterau in Bad Nauheim, Telefon: 06032/3497-111, 112 und - 117 oder die Evangelische Familien-Bildungsstätte Wetterau in Büdingen, Telefon: 06042/979-472. Hier gibt es ausreichendes Informationsmaterial. Alsdann erfolgt eine Einladung in eines der genannten Büros, dort finden mehrere Gespräche im Vorfeld statt, dazu gibt es Hausbesuche.
Langsam ernst wird es mit einem Bewerberseminar, das an vier Samstagen stattfindet. Dann gehört man zum Pool der Pflegefamilien. Dazu gibt es einen monatlichen Erfahrungsaustausch mit aktiven Pflegefamilien und dann kommt irgendwann der Tag, an dem man wirklich gebraucht wird.
Die Anbahnung erfolgt nicht von jetzt auf gleich. Die Bereitschafts-Pflegefamilie lädt ein, man kann das Kind hier kennenlernen, es zum Ausflug mitnehmen und der eigenen Familie vorstellen. Dem langsamen Kennenlernen folgt schließlich der Umzug in die Pflegefamilie. "Wir unterstützen die Eltern dauerhaft und lassen sie mit ihren Problemen nicht allein", beschreibt Yvonne Messinger die Situation. "Den Alltag aber müssen die Familien alleine schaffen. Und das tun sie auch sehr erfolgreich, wie wir aus unseren Erfahrungen wissen", so Jugenddezernent Betschel-Pflügel.




