Feuerwehren wollen sich Migrantengruppen öffnen: Fachtagung in Florstadt
Feuerwehren wollen sich Migrantengruppen öffnen: Fachtagung in Florstadt
Die 148 Freiwilligen Feuerwehren in der Wetterau leiden unter einem Mangel an Nachwuchskräften. Jetzt kam man in Florstadt zu einer Fortbildungsveranstaltung zusammen. Künftiges Ziel ist es, mehr Menschen mit Migrationshintergrund für die Feuerwehren zu gewinnen.
Podiumsdiskussion: von links Kreisbrandinspektor Otfried Hartmann, Ausländerbeauftragter Recep Kaplan, Moderator Michael Elsaß, Erster Kreisbeigeordneter Helmut Betschel-Pflügel, Murat Isik, Feuerwehrmann aus Ludwigshafen.
Wie wichtig die Fachtagung "Vielfalt und Integration in den Feuerwehren in der Wetterau" war, das belegt die Teilnahme des Hessischen Integrationsministers Jörg-Uwe Hahn. Auch die größte in Deutschland erscheinende türkische Zeitung Hürriyet schickte einen Vertreter. Schließlich ging es um die Frage: Wie kann man mehr Migrantinnen und Migranten in die Feuerwehren bekommen?
"Mit bunten Werbeblättchen alleine gelingt das auf gar keinen Fall", sagte Erster Kreisbeigeordneter Helmut Betschel-Pflügel in seinem Grußwort. "Wir brauchen eine Willkommenskultur, die den Menschen aus anderen Kulturkreisen deutlich macht, dass sie auf Dauer willkommen sind und dass wir sie als Teil unserer Gesellschaft und als Teil unseres Vereins- und Organisationslebens verstehen."
Minister Hahn: "Klingeln Sie an den Türen!"
Staatsminister Jörg-Uwe Hahn ließ sich eigens die aktuellen Zahlen vom Innenministerium übermitteln - nüchternes Fazit: Weniger als ein Prozent der Migrantinnen und Migranten sind in den Feuerwehren aktiv. Die Gründe dafür seien vielfältig, dagegen angehen müsse man mit beharrlicher Arbeit. "Klingeln Sie an den Türen, sprechen Sie mit den Eltern und gewinnen Sie die Kinder für die Mitarbeit in den Wehren."
Florstadts Bürgermeister Herbert Unger sprach als Gastgeber die türkischen Gäste in ihrer Muttersprache an. Ein Zeichen, das sehr gut aufgenommen wurde. Auch Unger hob hervor, dass man auf alle Mitbürgerinnen und Mitbürger angewiesen sei in Vereinen und Hilfsorganisationen: Dazu gehören auch die Menschen mit Migrationshintergrund.
Im Anschluss an die Grußworte hielt der Ludwigshafener Feuerwehrmann Murat Isik seinen Vortrag. Er war einer der ersten, die bei der Brandkatastrophe am 3. Februar 2008 am Ort des Geschehens war. Vier Frauen und fünf Kinder türkischer Herkunft sind an diesem Tag bei einem Wohnhausbrand ums Leben gekommen. Schnell kamen von türkischer Seite Gerüchte auf, es handele sich um einen rechtsradikalen Übergriff, der dann in dem Vorwurf gipfelte, die Feuerwehren hätten nicht alles getan, um die Menschen zu retten.
Minutiös schilderte Isik, Deutscher mit türkischer Herkunft, die dramatischen Geschehnisse: "Binnen zwei Minuten waren die ersten Einsatzkräfte vor Ort, Hunderte von Helferinnen und Helfern waren eingesetzt, doch das Feuer breitete sich rasend schnell in dem Haus aus. Eine Holztreppe, ein als Lagerraum genutzter Dachboden und der Kamineffekt verstärkten die Wirkung noch, sodass innerhalb weniger Minuten das ganze Haus lichterloh brannte."
Wenige Tage nach der Katastrophe besuchte der türkische Ministerpräsident Erdogan die Stadt. Erst ihm gelang es mäßigend auf seine Landsleute einzuwirken. In der Folge gab es eine Vielzahl von Veranstaltungen mit Moscheen, Vereinen und türkischen Organisationen mit dem positiven Ergebnis, dass jetzt 14 junge Leute türkischer Herkunft Mitglied der Ludwigshafener Feuerwehr geworden sind.
Großes Maß an Unwissenheit
In der anschließenden Podiumsdiskussion, an der neben dem Ersten Kreisbeigeordneten Helmut Betschel-Pflügel und Murat Isik der Ausländerbeauftragte des Wetteraukreises, Recep Kaplan, und Kreisbrandinspektor Otfried Hartmann teilnahmen, wurde das große Maß an Unwissenheit deutlich, das in Migrantenkreisen über die Organisation der Freiwilligen Feuerwehren besteht.
In vielen Herkunftsländern der Migranten sind Feuerwehren staatlich organisiert. Uniformträger werden mit dem Staat und damit mit Repression gleichgesetzt. Eine Teilnehmerin aus dem Plenum berichtete aus ihrem Heimatland Pakistan, dass dort davon ausgegangen werde, dass jeder Staatsdiener korrupt sei.
Berührungsängste sollen künftig abgebaut werden. Recep Kaplan, der als Zwölfjähriger nach Deutschland kam und Brandschutz in seinem Heimatdorf in der Türkei in der Gestalt kannte, dass in der Schule sechs mit Wasser gefüllte Blecheimer und ein paar Schaufeln standen, lud die Freiwilligen Feuerwehren spontan in die Friedberger Moschee ein. Aber auch der Kontakt zu jungen Migrantinnen und Migranten im Kindergarten und der Schule müsse vorangetrieben werden. Auch der Kontakt zu Eltern, etwa bei Schulfesten, müsse gesucht werden, betonte eine türkischstämmige Besucherin der Veranstaltung.
Erster Kreisbeigeordneter Helmut Betschel-Pflügel kündigte an, dass er Kontakt mit dem Staatlichen Schulamt aufnehmen werde und auch Mittel aus dem XENOS-Projekt für die Gewinnung von Jugendlichen für die Feuerwehr freigemacht werden sollen.
Die Feuerwehren sind froh über jedes neue Mitglied
"Die Feuerwehren", so Kreisbrandinspektor Hartmann, "sind bereit und froh über jedes neue Mitglied." Auch Murat Isik, seit 17 Jahren Feuerwehrmann, bedauerte keinen einzigen Tag für die Feuerwehr.
Abschließend wurden konkrete Vorschläge eingebracht, die in sechs Monaten erneut auf den Tisch kommen, um zu überprüfen, wie weit man mit deren Realisierung gekommen ist. Insgesamt eine hochkarätige und spannende Veranstaltung, der weitere folgen müssen.
Der Fachdienst Soziale Hilfen der Kreisverwaltung hatte gemeinsam mit dem Kreisfeuerwehrverband die Tagung vorbereitet und bestens organisiert. "Jetzt gilt es die Vorschläge zeitnah zu prüfen und wenn möglich umzusetzen", betonte Tanja Bretthauer für das Organisationsteam.




