Kreisverwaltung Wetterau

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Die Angst vergeht, wenn man den Fremden kennenlernt

Von links: Andrea Schreiber-Guth, Leiterin des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften der Weidigschule, Dr. Klaus Riemer, Erste Kreisbeigeordnete und Sozialdezernentin Stephanie Becker-Bösch.

Mehr als 100 Schülerinnen und Schüler des Abiturjahrgangs der Weidigschule in Butzbach hörten gebannt zu, was Dr. Klaus Riemer über seine Kindheit und Jugend zwischen 1931 und 1953 zu erzählen hatte. Riemer wurde 1931 in Berlin geboren, lebt heute in Bad Nauheim und gibt seine Erlebnisse, die er im Nationalsozialismus, in der DDR-Diktatur, beim Mauerbau und beim Mauerfall erlebt hatte, gerne weiter. Mit einer entsprechenden E-Mail hatte er sich an Stephanie Becker-Bösch, Erste Kreisbeigeordnete und Sozialdezernentin des Wetteraukreises gewandt, die diesen Faden gerne aufgriff.

„Nicht alles war dufte“, hat der promovierte Theaterwissenschaftler Dr. Klaus Riemer seinen Vortrag betitelt und erklärt den Schülerinnen und Schülern des Abiturjahrgangs, dass dieser typische Berliner Ausdruck vom jiddischen „tov“ kommt. Überhaupt sei Berlin nicht erst heute sondern schon zu seiner Zeit eine multikulturelle Stadt gewesen. Hier lebten Nachfahren französischer Hugenotten, italienische Gastarbeiter, die Gipsfiguren herstellten – Nippes für das Vertiko im Wohnzimmer – oder im Sommer mit ihren Eiswagen durch die Stadt zogen und Eiscreme verkauften. Nicht anders bei den Spielkameraden, „wir waren eine gemischte Kinderclique“, sagt Riemer und erinnert sich an Edith, ein jüdisches Mädchen aus der Nachbarschaft, in das sich der damals Siebenjährige so verliebte, dass ihm beim Umfüllen der Milch – seine Eltern betrieben einen Milchladen – die Hand zitterte, wenn Edith in den Laden kam. „Dass Edith und ihre Mutter in Auschwitz vergast wurden, habe ich erst später, zwei Jahre nach dem Krieg erfahren.“

Seine Eltern waren keine überzeugten Nazis, zu ihren Kunden und Geschäftsfreunden gehörten ganz selbstverständlich auch Juden und wenn Klaus oder seine Geschwister krank waren, gingen die Eltern zu jüdischen Ärzten. „Ich habe mich nie gefragt, ob der Mensch mir gegenüber ein Jude ist oder nicht, sondern ob er mir sympathisch ist.“

Die Reichspogromnacht erlebt er zu Hause, auf der Klappcouch. Im Radio berichten die Nachrichten über die Ereignisse der vergangenen Nacht und Klaus hört mit gespitzten Ohren seine Eltern nebenan flüstern. Worte wie „Mob“ und „Pöbel“ fallen. Am nächsten Tag sieht er auf der Straße zerbrochene Schaufensterscheiben, zertrümmerte Türschilder und ist fassungslos.

Olga war wie eine große Schwester

Für die Nazis gehörten nicht nur Juden in die Kategorie „Untermenschen“ sondern auch Angehörige slawischer Völker. In den Sommerferien bei Onkel und Tante im Warthegau, lernt Klaus sie dann kennen, polnische und ukrainische Fremdarbeiter und Kriegsgefangene, erlebt wie die 17-jährige Fremdarbeiterin Olga zu den Kindern wie eine große Schwester ist, wie am Esstisch selbstverständlich alle zusammen sitzen, unabhängig von Herkunft und Nationalität. „Auch in unseren Milchladen kamen viele unterschiedliche Menschen, wir hatten zum Beispiel blinde und gehörlose Kunden, die immer mit einem Zettel, auf dem ihr Einkaufswunsch stand, kamen. Für mich waren sie ein Gegenüber, Menschen, die ich kennen und schätzen lernte“, ein roter Faden, der sich durch Riemers Erzählen zieht.

Weil Berlin schon früh von Bombenangriffen betroffen ist wird die Aktion „Kinderlandverschickung“ ins Leben gerufen. Klaus Riemer kommt zunächst nach Ahlbeck auf der Ostseeinsel Usedom. Weil aber Peenemünde, wo Ingenieure der Heeresversuchsanstalt an der Vergeltungswaffe V2 arbeiten, in unmittelbarer Nähe liegt und britische Luftangriffe befürchtet werden, kommen die Kinder in den polnischen Wintersportort Zakopane. „Da haben wir uns mit polnischen Kindern angefreundet, die haben uns Skilaufen und sogar Skispringen beigebracht.“ Mit näherkommender Front werden die jungen Gymnasiasten noch einmal verlegt, diesmal in die Tschechoslowakei, von dort geht es später nach Österreich, wo für Klaus Riemer im April 1945 mit dem Einmarsch der Amerikaner der Krieg zu Ende ist.

Derselbe Mist, nur andere Fliegen drauf

Nach dem Krieg kehrt Riemer zurück in das zerstörte Berlin. Das Elternhaus wird notdürftig hergerichtet, der Laden im Osten Berlins wieder eröffnet und Klaus geht wieder aufs Gymnasium, allerdings nicht lange. Weil er für Silvester in der Schule Raketen bastelt, fliegt er von der Schule: „Man warf mir vor, dass ich Sprengstoffversuche unternommen hätte, außerdem galten wir mit unserem Milchladen ohnehin als Kapitalisten.“ Fortan besucht er ein Gymnasium im West-Berliner Wedding. „Unser Klassenlehrer war nur zwei Jahre älter als unser ältester Mitschüler, und der wiederum war im Krieg Leutnant des Klassenlehrers gewesen“, erzählt er lachend. Nach dem Abitur macht Klaus Riemer eine Grafiker-Ausbildung in Ost-Berlin, arbeitet bei der Handelsorganisation (HO) und malt für die Werbung drei Meter große Portraitbilder von Lenin und Stalin oder vom DDR Präsidenten Wilhelm Pieck. Zwang und Druck waren gleich geblieben, nur die politische Farbe hatte gewechselt, „eben der derselbe Mist, nur andere Fliegen drauf. Über diese Arbeit mit den Portraits bin ich richtig krank geworden.“

Als es am 17. Juni 1953 wegen der Streiks gegen die hohen Arbeitsnormen in der DDR zu einem Volksaufstand kommt, beschließt Riemer in den Westen zu gehen. An der Freien Universität in Berlin studiert er Theaterwissenschaft, Germanistik, Psychologie, Kunstgeschichte und Publizistik – was Dank seines Westabiturs problemlos möglich war – lernt während des Studiums auch Rudi Dutschke kennen, „einen Mann mit Scheuklappen, der sich wie ein Diktator aufführte“, erinnert sich Riemer.

Rund zwei Stunden erzählte Klaus Riemer aus seiner Vergangenheit, betonte immer wieder, wie wichtig es ist, im anderen den Menschen zu sehen, dabei aber nicht blauäugig zu sein: „Die Angst vergeht, wenn man den Fremden kennenlernt. Ich muss mit meinem Gegenüber nicht einer Meinung sein, aber wenn ich ihn auch nicht schätze muss ich ihn doch zu Wort kommen lassen.“

Auf die Frage eines Schülers, ob die Deutschen aus den Fehlern gelernt hätten meinte Riemer: „Ja, die meisten schon, aber die Vergangenheit verblasst, weil es immer weniger Menschen gibt, die diese Zeit erlebt haben. Aber ich denke: Es kann nicht mehr so weit kommen, dass eine Partei kommt, die uns umkrempelt, hin zu einer Diktatur.“

veröffentlicht am: 31.01.2019

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