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Digitale Medien in der Jugendhilfe – eine Herausforderung

Prof. Dr. Daniel Hajok, Referent des Fachtages, Kommunikations- und Medienwissenschaftler und Honorarprofessor an der Universität Erfurt

Die Bedeutung digitaler Medien und die Konsequenzen für die Jugendhilfe war Thema eines Fachtages, zu dem der Fachdienst Jugendhilfe und die „AG 78“ eingeladen hatten. Referent war Prof. Dr. Daniel Hajok, Kommunikations- und Medienwissenschaftler und Honorarprofessor an der Universität Erfurt. Er sprach vor pädagogischen Fachkräften im vollbesetzten Plenarsaal.

„Wir erleben einen völlig neuen Sozialisationstypus, das Aufwachsen junger Menschen hat sich durch die digitalen Medien grundlegend verändert“, erläuterte Prof. Dr. Hajok. Digitale Medien üben nicht nur eine starke Bindungskraft aus, sie haben auch die Ausdrucksformen Jugendlicher verändert: eine neue Form der Kommunikation, bei der der Kontakt als solcher wichtiger wird als der Inhalt. Fragen wie „Wer bin ich, wer will ich sein, wie sehen mich die anderen?“, werden über die sozialen Medien transportiert. Ihren Einstieg ins Internet erleben Kinder spätestens im fünften oder sechsten Lebensjahr, und sie werden zu „kleinen Experten“, die sich bei Wissensfragen eher an Google, als an die Eltern wenden.

Auf Kinder und Jugendliche geht ein „Feuerwerk medialen Inputs nieder“, so Hajok, „eine Fülle von Meldungen, Likes und YouTube-Filmen.“ Die Freizeit verdichtet sich, vieles muss parallel geleistet werden, um alles unter einen Hut zu bekommen. Als es lediglich SMS gab, sendeten Durchschnittsnutzer zwei bis drei SMS-Nachrichten pro Tag. In Zeiten von WhatsApp sind es 30 bis 50.

Eine Zeit ohne Telefon, einen Sendeschluss beim Fernsehprogramm ist für Jugendliche und Kinder heute nicht mehr vorstellbar. Hinzu kommt: das Internet vergisst nichts. Mit Smartphones ist auch der Schonraum nicht mehr herstellbar. Mit dem eigenen Smartphone in der Hand entfaltet die digitale Welt ungebremst ihre besondere Sogwirkung, bei der quasi überall, jederzeit, alles auch nur Erdenkliche auf den Screen geholt werden kann.

Erwachsene Kompetenz ist gefragt

Der Anteil von Eltern, die ihren Kindern vorlesen hat sich halbiert. Andererseits wird der Nachwuchs mit dem Smartphone ruhiggestellt oder dem Kleinen das Smartphone an den Kinderwagen gehängt damit es einen Film sehen kann. „Was Eltern hier falsch machen, können sie später nicht mehr einfangen“, machte Hajok deutlich.

2014 nutzten 20 Prozent der Sechs- bis Siebenjährigen ab und zu ein Handy, inzwischen sind es bereits 54 Prozent. Drei Viertel der Zehn- bis Elfjährigen besitzt ein eigenes Smartphone, bei den 12- bis 13-jährigen sind es 95 Prozent. „Die Faszination für digitale Medien wird frühzeitig von den Eltern genährt“, stellte Hajok fest. Dass junge Menschen Medien immer früher in ihren Alltag integrieren, liege auch daran, dass Medien eine hohe Bedeutung in der Gesellschaft, im öffentlichen Leben und im sozialen Miteinander haben.

Hinzu kommt: Digitale Medien sind Individualmedien. Kinder entziehen sich mit digitalen Medien immer früher einer direkten Kontrolle durch die Erziehenden. 74 Prozent der 6- bis 13-jährigen sind alleine, wenn sie sich mit Handy- oder Smartphone-Spiele beschäftigen.

Nicht anleiten, sondern vorleben, pädagogisch begleiten

„Eine reflektierte Medienkompetenz, das Wissen über die Chancen und Risiken der digitalen Welt, ist für Eltern wie Erziehungskräfte dringend gefragt, um einen gelingenden generationsübergreifenden Dialog zu initiieren und zu kompetenten, statt unsicheren, verbietenden Ansprechpartner/-innen zu werden“, sagt Erste Kreisbeigeordnete und Sozialdezernentin Stephanie Becker-Bösch. Medienkompetenz heißt für Hajok: Nicht anleiten, sondern vorleben und pädagogisch begleiten. Die Eltern sind dabei die wichtigste Zielgruppe. Es muss Medienabstinenzräume geben und Regeln müssen im Vorfeld gemeinsam mit den Kindern definiert werden. Als Beispiele nannte Hajok Webseiten wie mediennutzungsvertrag und klicksafe.

Herausforderungen für die Jugendhilfe

Bereits Kinder agieren immer autonomer und entziehen sich so zunehmend einer Kontrolle der Erziehenden. Neugierig aber unvorsichtig wird die Medienwelt erkundet, Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit sich selbst zu regulieren sind noch nicht ausgebildet. Heranwachsende sind gefährdeter als Erwachsene, weil ihnen entwicklungsbedingt die Kompetenzen fehlen.

Hajok räumte ein, dass auch Erzieherinnen und Erzieher unsicher seien, was „richtige“ Medienerziehung und Medienkompetenz angehe. Es fehle an Wissen um Chancen und Risiken. Sie hätten kaum Einblick in die rasant veränderten Medienwelten und erlebten auf der anderen Seite einen immer problematischeren Medienumgang: Die jugendlichen Betreuten verbringen zu viel Zeit online, werden online gemobbt oder belästigt, machen zu viele persönliche Daten öffentlich, mobben oder belästigen andere online, kommen mit verstörenden oder beängstigenden Inhalten in Berührung, mit zu viel Werbung, laden illegal Daten hoch- oder herunter, bekommen problematische Kettenbriefen. „Es braucht Ausbildung, Fortbildung und Weiterbildung“, forderte Hajok.

Ohne Medienkonzept keine angemessene Begleitung

Neben einer kontinuierlichen Fort- und Weiterbildung gab Hajok folgende Ziele auf den Weg: Kritisch-reflexiver Medienumgang, offen sein gegenüber Medienumgang und Haltung zeigen, mediale Handlungsräume schaffen, definieren und regeln, konkrete Hilfen bei negativen Medienerfahrungen bieten, alle am „System“ Beteiligten ins Boot holen und schließlich: Ein Medienkonzept in allen Jugendhilfe-Einrichtungen entwickeln und regelmäßig überprüfen und anpassen.

veröffentlicht am: 14.10.2019

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