Kreisverwaltung Wetterau

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Würdiges Gedenken an Opfer der Novemberpogrome

von links: der Vorsitzenden des Büdinger Geschichtsvereins, Joachim Cott, Kreisbeigeordnete und Sozialdezernentin Stephanie Becker-Bösch, Büdingens Erste Stadträtin Henrike Strauch, Referent Michael Strecker und Boris Winter, vom Büdinger Bündnis für Demokratie und Vielfalt.

Im Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 veranstalteten das Büdinger Bündnis für Demokratie und Vielfalt und der Büdinger Geschichtsverein gemeinsam mit der Stadt Büdingen und dem Wetteraukreis eine Gedenkveranstaltung. 

In der zweigeteilten Veranstaltung fand das Totengedenken im Hof der Lutherkirche, hinter dem Steinernen Haus, in der Büdinger Altstadt statt. Die Ansprachen fanden im Sitzungssaal der Büdinger Stadtverordnetenversammlung im historischen Rathaus statt.

Dabei zeigten sich alle Teilnehmer besorgt über das Erstarken rechter Parteien und Populisten. Joachim Cott, Vorsitzender des Büdinger Geschichtsvereins, forderte mehr Zivilcourage in der Gesellschaft. Cott warnte vor der – gerade in den sozialen Medien verbreiteten – Geschichtsvergessenheit.

Büdingens Erste Stadträtin Henrike Strauch zeigte sich besorgt über zunehmendes rechtes Gedankengut in der Gesellschaft. Das beginne mit der Sprache, wo Begriffe der Nazis wieder salonfähig würden. „Deshalb müssen wir die Erziehung der Jugend zu Demokratie und Toleranz intensivieren.“

Becker–Bösch: „dieser Tag soll wachrütteln“

Kreisbeigeordnete und Sozialdezernentin Stephanie Becker-Bösch erinnerte in ihrer Rede an den 9. November als Schicksalstag der deutschen Geschichte:

„1918 beginnt an diesem Tag die Novemberrevolution und führt zum ersten demokratischen Staat auf deutschem Boden. 1989 war der 9. November vielleicht einer der glücklichsten Tage der deutschen Geschichte. An diesem Tag fällt die Mauer, und die Teilung unseres Landes endet.

Zu den dunkelsten Kapiteln deutscher Geschichte gehört der 9. November 1938. In dieser Nacht ließen die Nationalsozialisten endgültig ihre bürgerliche Maske fallen.

Der 9. November ist ein Tag, dessen wir jedes Jahr gedenken sollten um der Opfer willen, aber auch um unserer selbst willen, denn dieser Tag soll wachrütteln und deutlich machen, wie wichtig es ist, für die Demokratie, die unsere Eltern und Großeltern geschaffen haben, einzustehen und sie zu verteidigen.“

So viele Namen, so viele Menschen, so viel Leid

Vor der Veranstaltung im historischen Rathaus fand ein Gedenken im Park zwischen dem Steinernen Haus und der Lutherkirche statt. Konfirmanden verlasen die Namen der Büdinger Juden, die verschleppt, vertrieben und ermordet wurden. Erstmals wurden auch die Namen von 20 Geächteten Büdinger Bürgern verlesen, Nicht-Juden, die sich den Nazis widersetzten und in der Folge gebrandmarkt wurden.

„Die meisten evangelischen Dörfer Oberhessens waren schon vor 1933 im Geiste längst im Dritten Reich“

Ein weiterer Höhepunkt der Veranstaltung war der Vortrag des Heimatforschers Michael Strecker, der anhand der Geschichte aus Ranstadt-Dauernheim und Ober-Mockstadt zeigte, dass gerade in Oberhessen der Boden für die Nazis schon vor der Machtergreifung im Januar 1933 bereitet war.

Bei der Reichstagswahl im Sommer 1932 stimmten 37 Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland für die Hitlerbewegung. Im Landkreis Büdingen waren es 64 Prozent, in Dauernheim gar 91 Prozent.

Gerade in ländlichen Gebieten wandten sich die Bauern massenhaft der NSDAP zu. Der Preisverfall von landwirtschaftlichen Produkten infolge der internationalen Konkurrenz sowie hohe Reparationszahlungen entfremdeten viele Menschen von der Weimarer Republik.

Unterstützt wurde die Entwicklung, wie Michael Strecker belegte, von vielen evangelischen Pfarrern, die zum Teil geradezu Wegbereiter des Nationalsozialismus im Dorf waren. Beklemmend sind die Zitate aus Predigten vor und nach der Machtergreifung.

Strecker stellte fest, dass Antisemitismus lange vor den Nazis fest verwurzelt in den ländlichen Gebieten war. „Die meisten evangelischen Dörfer Oberhessens waren schon vor 1933 im Geiste längst im Dritten Reich.“

Es folgt der komplette Vortrag von Michael Strecker:

Der Aufstieg des Nationalsozialismus in Ranstadt, Dauernheim und Ober-Mockstadt vor 1933 bis hin zu den Ausschreitungen gegen Juden während der Novemberpogrome im Jahr 1938

Ich werde versuchen, den Bogen zu spannen von der Zeit vor 1933 – der Zeit des Aufstieges der Nationalsozialisten in Deutschland – über das Jahr 1933 hinweg – das Jahr der sog. „Machtergreifung“ oder vielleicht besser: „Machtübertragung“ – bis in den November 1938 – die Zeit der entsetzlichen Ausschreitungen gegenüber jüdischen Mitbürgern, der wir heute in erster Linie gedenken wollen.

Dabei werde ich alle drei Perioden aus dem Blickwinkel der Dörfer Ranstadt, Dauernheim und Ober-Mockstadt erzählen.

Wenn ich hier über diese drei Dörfer spreche, dann nicht, weil sich in dort etwas „Besonderes“ ereignet hätte. Sondern eher umgekehrt, weil die Vorgänge dort repräsentativ für den Kreis Büdingen sind. Weil es so, wie es in diesen drei Orten war, auch in den meisten Bauerndörfern hier in der Gegend war.

Einsteigen möchte ich im Sommer 1932. Damals, ein halbes Jahr vor der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, fanden noch – auch nach heutigen Maßstäben – freie und geheime Wahlen statt. Bei diesen Wahlen stimmten die Wahlberechtigten meiner Heimatdörfer – wie in den meisten Orten Oberhessens – mit überwältigender Mehrheit für die Hitlerbewegung.

Zu den geschichtlichen Fakten gehört, dass Hitler ohne seine enormen Wahlerfolge nie Kanzler geworden wäre. Und die oberhessischen Dörfer waren damals Hochburgen der NSDAP.

Dies zeigt ein Blick auf die Stimmenanteile der NSDAP bei den Reichstagswahlen vom Juli 1932: Hitler erhielt in Dauernheim 91 Prozent in Ober-Mockstadt 61 Prozent und in Ranstadt 56 Prozent der Stimmen. Im Kreis Büdingen wählten ihn 64 Prozent, im Deutschen Reich insgesamt 37 Prozent.

Die Zustimmung zur Hitlerbewegung war somit in unseren Dörfern bereits 1932, also vor dem Dritten Reich, geradezu überwältigend.

1. Die Situation vor 1933

Im ersten Teil meines Vortrages gehe ich auf die Situation in den Wetterauer Dörfern vor 1933 ein.

1.1 Das Dorfleben der 20er Jahre

In den 20er Jahren war das Dorfleben noch ganz durch die Landwirtschaft geprägt.

Neben den Vollerwerbslandwirten waren auch fast alle übrigen Dorfbewohner – ob Arbeiter, Handwerker oder Beamte – im Nebenberuf als Landwirt tätig. Weil die Nebenerwerbslandwirte für die wenigsten Arbeitsvorgänge über eigene Gespanne und Maschinen verfügten, war die Arbeit nur auf der Basis einer umfassenden Zusammenarbeit möglich. Das Bauerndorf war somit eine eigene kleine Wirtschaftsgemeinschaft für sich: Die Familien der Nebenerwerbslandwirte stellten den Vollerwerbslandwirten ihre Arbeitskraft zur Verfügung, insbesondere während der Erntezeit. Die Gegenleistung bestand darin, dass ihre Felder von den Vollerwerbslandwirten mit bestellt wurden.

Ein Blick auf die Statistik des Jahres 1925 zeigt, dass im Altkreis Büdingen rund die Hälfte der Betriebe weniger als zwei Hektar bewirtschafteten. Dies entspricht einem Feld von 100 mal 200 Metern. Nur rund fünf Prozent der Höfe kamen auf mehr als zehn Hektar Land. Etwa bei diesen zehn Hektar lag die Grenze, ab der sich Landwirtschaft als Vollerwerb betreiben ließ. Man sprach von sogeannten „Pferdebauern“, weil sich erst ab dieser Betriebsgröße Pferdegespanne unterhalten ließen. Wirklich große Betriebe mit mehr als 50 Hektar Land, wie etwa das Ranstädter Hofgut, waren damals selten.

Wo es für die Pferdehaltung nicht ausreichte, wurde die Kuh als Gespanntier eingesetzt. Deshalb entstand der Ausdruck „Kuhbauern“. Eigentlich war diese Betriebsform und –größe nicht auskömmlich, aber es gab viele Familien, die sich so mehr schlecht als recht über die Runden bringen mussten und auf Zusatzverdienstmöglichkeiten angewiesen waren.

1.2 Die Agrarkrise: „Bauer in Not!“

Von den traditionell konservativ eingestellten Bauern der 20er Jahre hätte man wahrscheinlich am wenigsten erwartet, dass sie sich zu Massendemonstrationen und Protestaktionen zusammenfanden. Doch Anfang 1928 – fast zwei Jahre vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise – machten die Bauern ihrem Unmut und ihrer Verzweiflung Luft und gingen zu Hunderttausenden auf die Straße. Fast ganz Deutschland wurde im Januar und Februar 1928 von einer in der Landwirtschaft bis dahin nie dagewesenen Welle von Kundgebungen, Notversammlungen und Protestaktionen erfasst. In diesen beiden Monaten gab es rund 150 Protestversammlungen. Am 28. Januar brachten die Bauern in Schleswig-Holstein, dem Schwerpunkt der Proteste, 140.000 Menschen auf die Beine.

 Einige Tausend Landwirte demonstrierten in Limburg und erklärten in einer Entschließung, „dass wir am Ende unserer Kraft angelangt sind, aber nicht kampflos untergehen wollen“. Knapp 10.000 Bauern versammelten sich in Darmstadt, der damaligen hessischen Landeshauptstadt. Der Hessische Landbund erklärte: „Weite Teile der Landbevölkerung wissen nicht mehr, wovon sie leben und wie sie ihren Wirtschaftsbetrieb aufrechterhalten sollen. Die Unzufriedenheit wächst unaufhaltsam.“ „Bauer in Not!“ war der Titel zahlreicher Veranstaltungen in Hessen Anfang 1928.

Was war geschehen? Bei allem, was uns heutzutage an der Weimarer Zeit fremd vorkommt, gibt es ein Thema, das vor 90 Jahren genauso heiß und aktuell war wie heute: Die Globalisierung der Märkte. Damit ist die Frage angesprochen, wie man damit umgeht, dass man zwar einerseits mit der eigenen Exportindustrie die Märkte im Ausland beliefern möchte, aber andererseits damit konfrontiert wird, dass die ausländische Konkurrenz im Inland das Eine oder Andere günstiger anbieten kann. Genauso wie die deutsche Industrie in den Märkten im Ausland Wettbewerbsvorteile in Preis und Qualität ausspielt, genauso gibt es im Inland ausländische Produkte, der der inländischen Herstellung überlegen sind. So funktioniert die Internationalisierung der Märkte – damals wie heute. Damals war es die deutsche wie die europäische Landwirtschaft insgesamt, die unter die Räder der Globalisierung kam: Während sich die europäischen Länder im I. Weltkrieg gegenseitig zerfleischten, entstanden in Übersee riesige Produktionskapazitäten für landwirtschaftliche Güter. Vor allem die USA, Kanada, Argentinien und Australien versorgten den Weltgetreidemarkt in bis dahin nie gekannten Dimensionen. Diese vier Länder steigerten Anfang der 20er Jahre ihre Getreideausfuhren auf das Doppelte im Vergleich zum Zeitraum vor dem I. Weltkrieg.

Mitte der 20er Jahre waren auf den Weltmärkten für Agrarprodukte riesige Überkapazitäten entstanden. Zudem waren die durch Kleinbetriebe geprägten Strukturen in der deutschen Landwirtschaft wenig effizient und wettbewerbsfähig. Der US-amerikanische „Farmer“, der in Übersee in großen Betrieben kostengünstiger produzieren konnte, wurde geradezu zum Feindbild des deutschen Bauern. In Übersee war zudem die Motorisierung der Landwirtschaft u.a. durch Traktoren und die Ausstattung mit neuen Techniken des Ackerbaus viel weiter vorangeschritten. Auch der Umgang mit künstlichem Dünger war in Übersee professioneller. Man hatte den Ausbau der Produktionskapazitäten im großen Stil dazu genutzt, um gleich mit dem modernsten Stand der Technik ans Werk zu gehen. Gewaltige Fortschritte im Schiffsbau führten dazu, dass die Transportkosten von Übersee nach Europa klein gehalten wurden. Ab dem Jahr 1925 wurden in Deutschland wieder Schutzzölle für Agrarprodukte eingeführt. Doch trotz der Nachteile in den Transportkosten und durch die hohen Einfuhrzölle waren die Kostenvorteile der Konkurrenz aus Übersee nicht aufgezehrt, so dass diese weiter den europäischen Markt versorgten.

Ab 1927 setzte in Folge der weltweiten Überkapazitäten auf breiter Front ein Preisverfall für Agrarprodukte ein. Der Rückgang fiel unterschiedlich stark aus und begann nicht gleichzeitig, bedeutete jedoch für die Bauern empfindliche Einkommensverluste. Der Preis für Speisekartoffel fiel von 8,-- Reichsmark je Doppelzentner im Jahr 1927 im Laufe der Krise auf drei Mark. Für einen Liter Milch bekam der Bauer im Jahr 1928 noch 17 Pfennige gegenüber zehn Pfennigen im Jahr 1932. […] Der Preis für Schweinefleisch fiel von 65 Mark je Zentner im Jahr 1928 auf 40 Mark im Jahr 1932.

Insgesamt, im Durchschnitt über alle Agrarprodukte, gingen die Preise von 1928 bis 1932, dem Tiefpunkt der Krise, um rund 40 Prozent zurück. Im Jahr 1932 gingen 18.000 Bauernhöfe im Deutschen Reich pleite. Zwangsversteigerungen hoch verschuldeter Höfe standen auf der Tagesordnung.

Die Agrarkrise traf die meisten europäischen Staaten. Deutschland war nicht einmal am stärksten davon betroffen. Die Situation war ähnlich der in Frankreich und England. Doch die Bauern in unseren Dörfern machten den Weimarer Staat und die Reparationslasten für ihr Elend verantwortlich.

Die hessischen Landwirte beschlossen 1931 folgende Resolution:

„Die hessische Landwirtschaft, die in Deutschland stets an führender Stelle stand, ist durch die falsche Wirtschaftspolitik der letzten Jahre […] heute zum größten Teil ruiniert und zusammengebrochen. Hier liegt unbedingt Schuld seitens der Regierung vor.“

Der Dauernheimer Pfarrer schrieb im Oktober 1931:

„1931: Noch immer lasten trübe Wolken über unserem Vaterland. Es scheint fast, als ob es weiter bergab ginge. Eine Notverordnung jagt die andere, das Geld wird immer knapper, das wirtschaftliche Leben stockt in beängstigender Weise. […] Der Wirtschaftskörper ist blutleer, einmal durch mangelnde Sparsamkeit im öffentlichen Haushalt […], vor allem aber durch die ungeheuren steten Zahlungen an unsere Feinde […]. Immer mehr scheint es nun auch der übrigen Welt zu dämmern, dass die Reparationslasten der tiefste Grund der Weltwirtschaftskrise sind, unter der unser deutsches Volk in besonderer Weise leidet.“

Wenn schon der Dorfpfarrer, der den übrigen Dorfbewohnern an Bildung weit voraus war, so dachte, dann wird klar, was der einfache Bauer noch von der Republik erwartete.

Die Agrarkrise, die bereits vor und unabhängig von der Weltwirtschaftskrise einsetzte, veränderte das Dorfleben tiefgreifend. Sie brachte das Land wie keine zweite Entwicklung gegen den Weimarer Staat auf. Bei den Reichstagswahlen im Jahr 1928 lag die Wahlbeteiligung in Dauernheim bei 39 Prozent.

Die Dauerkrise in der Landwirtschaft entfremdete das Dorf gegenüber der Republik und ihren Politikern – lange bevor die meisten Dorfbewohner das erste Mal von den Nationalsozialisten hörten. Beim ersten Auftreten der NSDAP auf dem Lande war die Republik bereits sturmreif geschossen.

1.3 Die Dorfpfarrer und die Haltung der Evangelischen Kirche

In den drei damals zu 95 Prozent evangelischen Dörfern spielte der Pfarrer als ungekröntes Dorfoberhaupt eine entscheidende Rolle. Er verfügte in der Regel als einziger im Ort über ein Universitätsstudium.

Die Deutsche Revolution von 1918 zog der Evangelischen Kirche förmlich den Boden unter ihren Füßen weg: Mit der Abdankung der Könige und Fürsten stürzte das rechtliche Fundament der evangelischen Landeskirchen ein, denn die Landesfürsten waren gleichzeitig die Kirchenoberhäupter. Dieses sogenannte „landesherrliche Kirchenregiment“ sicherte dem Protestantismus im Kaiserreich eine hervorgehobene Stellung gegenüber dem Katholizismus. Die evangelische Pfarrerschaft stand fast geschlossen, in vielen Fällen begeistert zu Kaiser und Reich. Die Revolution stürzte somit nicht nur die Monarchen vom Thron, sondern auch den Großteil der evangelischen Pfarrer in eine tiefe politische Orientierungskrise. Es herrschte daher eine grundsätzliche Abneigung gegen die junge Republik.

Den hessischen Landtagswahlkampf eröffneten im Oktober 1931 die Nationalsozialisten mit einer Festpredigt des Dekans Unverzagt in der Alsfelder Walpurgiskirche. Am 2. Oktober 1932 begann der Deutsche der Tag der NSDAP hier in Büdingen mit einem gemeinschaftlichen Gottesdienst in der Stadtkirche. Die Predigt hielt der Büdinger Pfarrer Adam. Die Zeitung berichtete:

„Mehr als 500 Braunhemden zogen um zwei Uhr zur Kirche, die Frauenschaften von Dauernheim, Ober-Mockstadt und Nidda in ihren hellleuchtenden weißen Blusen und eine zahlreiche Schar weiterer Besucher füllten das Gotteshaus in allen seinen Teilen restlos aus. Seit Jahren war die Kirche nicht so voll, wie diesmal. […] Den Hintergrund des Chores füllten die acht Sturmfahnen aus, die mit ihrem rot-weiß und den schwarzen Hakenkreuzen einen farbenprächtigen Abschluss bildeten. Nach einem Vortrag der Musikkapelle und dem Gesang des alten Lutherischen Trutzliedes ‚Ein’ feste Burg ist unser Gott’ sprach Herr Pfarrer Adam in treffenden Worten davon, wie unser Sehnen nach einer Deutschen Religion in Einklang zu bringen sei mit (den) Grundsätzen des Christentums.“

Zu den nationalsozialistisch gesinnten Pfarrern müssen wir auch den Ranstädter Pfarrer zählen. Er trat im Mai 1932, einige Monate nach seinem Ausscheiden aus dem Pfarrdienst, in die NSDAP ein. Wir können davon ausgehen, dass er seine politischen Ansichten nicht über Nacht änderte. Besagter Pfarrer war seit 1895 in Ranstadt im Dienst und damit phantastische 36 Jahre lang – bis 1931 – im Amt und unumstrittene Autorität im Dorf. Sein Wort hatte Gewicht. Er war weithin anerkannt und beliebt.

Der Dauernheimer Pfarrer trat zwar nie in die NSDAP ein, doch auch er kann als geistiger Wegbereiter des Nationalsozialismus bezeichnet werden. Er repräsentiert die breite Masse konservativ-bürgerlicher Männer, die der Republik reserviert bis feindlich gegenüberstanden und große Sympathie für die neue Bewegung hegten.

Die NSDAP stand dafür, Deutschland vor dem Kommunismus und dem „Ansturm gottloser Mächte“ zu retten. „Die Entscheidung steht vor der Tür. Entweder versinkt Deutschland im Bolschewismus oder es wird mit dem Nationalsozialismus gerettet“, so ein Pfarrer 1931 in einem Vortrag auf einer innerkirchlichen Diskussionsrunde zur Frage, wie man sich zum Nationalsozialismus stelle solle. Die geradezu panische Furcht vor dem Bolschewismus ist auch die Kerbe, in die der Dauernheimer Pfarrer schlug. Zu Weihnachten 1933 schrieb er in den Heimatglocken und überschlug sich dabei geradezu:

„Weihnachten 1933. Weihnachten im dritten Reich! Weihnachten in der neuen Reichskirche! Im letzten Jahr um diese Zeit Nacht und Finsternis über dem deutschen Volk! Verlotterung, Verzweifelung, Gotteshass, Christushass! Heraufziehender Bolschewismus! Ein Stehen vor dem Abgrund! Wir wussten damals nicht, ob es uns vergönnt sein werde, Weihnachten 1933 zu feiern; ob es gestattet würde, Weihnachtsbäume anzuzünden und Weihnachtslieder zu singen. Und nun welche Wunder! Das Abendland vom Chaos des Bolschewismus errettet. Weihnachten 1933 im dritten Reich. Zum erstenmal! Als eine große deutsche Volks- und Schicksalsgemeinschaft! Gott hat ein Wunder getan an Volk und Kirche, hat uns eine Auferstehung geschenkt aus dunkler Macht. Drum laßt uns Weihnachten feiern mit Freude und Dank.“

1.4 Protest gegen Zwangsversteigerungen

Bei den oberhessischen Bauern kam es gut an, dass sich die Nazis vor Bauernhöfen postierten und so Zwangsversteigerungen verhinderten. In Oberhessen wie auch in vielen anderen Regionen Deutschlands unterstützten SA und SS bäuerliche „Selbsthilfeaktionen“ und „Notgemeinschaften“. Dabei erschienen die Nationalsozialisten bei Versteigerungen und schüchterten durch das Abspielen von NS-Kampfliedern potentielle Bieter ein. Es ist ein Flugblatt erhalten, das im Vorfeld einer Zwangsversteigerung am Amtsgericht Ortenberg im Dezember 1932 verteilt wurde. Hier der Wortlaut:

„Wer bietet, ist ein Lump!!! Erwerbslose und Bauern! Das Anwesen eines Weningser Bauern soll Donnerstag, den 15. Dezember Nachmittags drei Uhr auf dem Ortenberger Gericht versteigert werden. Geht in Massen aufs Gericht. Aber keiner darf bieten. Ein Schuft, wer sich an der Not anderer bereichert. Merkt Euch jeden, der zu bieten wagt. Verhindert, dass man schuldlos verarmte Bauern von ihrer Scholle jagt!“

In einem hier weit verbreiteten Wahlplakat der NSDAP aus dem Jahr 1932 hieß es:

„Gerichtsvollzieher wagen sich nicht mehr in die Dörfer hinein. Die Bauern rotten sich mit Dreschflegeln und Sensen zusammen und leisten aktiven Widerstand, wenn man ihnen das Vieh aus dem Stall holen will. Wenn der Bauer anfängt, sich gegen ein System aufzulehnen, dann steht über diesem System der Fluch, und das ganze Volk tut gut daran, dieses System mit Stumpf und Stiel auszurotten. […] Bauer, wir rufen […] dir zu: Das ganze Volk muss sich zusammenfinden, den deutschen Bauernstand zu retten, um dem Volk das täglich Brot zu sichern. Parteien, die den Bauernstand ruinieren, müssen verschwinden. Darum Bauer, pack an! Dem System muss der Garaus gemacht werden! Gebt Hitler die Macht!“

1.5 Landjuden und Antisemitismus

Ein weiteres Hauptthema, mit dem die Nationalsozialisten bei den oberhessischen Bauern erheblich Punkten konnten, war die Hetze gegen die Juden.

Der Antisemitismus war keine Erfindung der Nationalsozialisten. Er hatte in vielen ländlichen Regionen Deutschlands eine lange Tradition. Bei den Reichstagswahlen im Kaiserreich erzielten antisemitische Parteien in Oberhessen durchweg zwischen 20 und 35 Prozent der Stimmen. Deutschlandweit erlangten diese Parteien nie große Bedeutung. Aber in Oberhessen war der Antisemitismus fest verwurzelt.

Warum fiel der Hass auf Juden seit Jahrzehnten und Jahrhunderten auf so fruchtbaren Boden? Den Juden wurden seit dem Mittelalter Landbesitz und Zunftmitgliedschaft verwehrt. Dadurch wurden sie in spezielle Wirtschaftsbereiche wie den Handel und die Geldwirtschaft abgedrängt. Dem Bauern begegneten die Juden somit vor allem als Geldverleiher und Viehhändler. In unseren Dörfern lebten in den 20er Jahren nur wenige Juden. Dennoch hatte fast jeder Bauer mit Juden in Geldgeschäften und im Viehhandel zu tun. Diese Bereiche lagen fast vollständig in jüdischen Händen.

Zudem waren einige Bauern hoch verschuldet und liehen sich bei Juden Geld. Dies wahr wohl in vielen Fällen der einzige Weg, um überhaupt der Zwangsvollstreckung für eine gewisse Zeit zu entgehen. Die Banken – falls überhaupt in der Nähe – hatten sich aufgrund fehlender Sicherheiten in solchen Fällen längst zurückgezogen. Auch wird es Schicksale gegeben haben, in denen der Bauer seine letzte Kuh an einen Juden verkaufte, um mit dem Erlös zumindest vorübergehend seinen Hof zu retten. Generell war das „Anschreiben“ weit verbreitet. Die Schulden verrechnete man üblicherweise wieder mit den Einkünften aus den nächsten Geschäften. Die ein oder andere Milchkuh, die wiederum erst die eigene Ernährungs- und Einkommensgrundlage bilden sollte, konnte somit überhaupt erst angeschafft werden, in dem man sie bei einem Juden „auf Pump“ finanzierte.

Die nationalsozialistische Forderung nach der sogenannten „Brechung der Zinsknechtschaft“ stieß somit bei den hoch verschuldeten Bauern auf einen denkbar günstigen Boden. Ich zitiere eine zeitgenössische Einschätzung:

„Die Bauern wählen geschlossen Adolf Hitler in der Erwartung, dass er mit einem einzigen Federstrich alle ihre Schulden streichen wird.“

1.6 Der SA-Umzug am 3. Juli 1932: „Das ganze Dorf ist schwarz-weiß-rot geschmückt“

Ein entscheidendes Instrument zur Präsentation der NSDAP in der Öffentlichkeit waren die Propagandamärsche der SA-Stürme. Diese Aktivitäten beschränkten sich keineswegs auf die Zeit der Wahlkämpfe, sondern fanden fast das ganze Jahr über statt.

Der SA-Marsch am 3. Juli durch Dauernheim vermittelt einen guten Eindruck davon, wie stark im Sommer 1932 das ganze Dorf fanatisiert war. Der Niddaer Anzeiger berichtete:

„Am gestrigen Sonntag veranstaltete die SA von Nidda, Ortenberg und Umgebung, ca. 600 – 700 Mann, einen Aufmarsch von Stockheim aus über Glauberg, Nieder-Mockstadt, Ober-Mockstadt, Dauernheim, Ranstadt, Effolderbach nach Stockheim zurück. […] Die Mannschaften wurden überall mit Jubel empfangen. Besonders herzlich war der Empfang in Dauernheim, wo die Frauen Girlanden gewunden, Kaffee gekocht und Berge von Kuchen gebacken hatten und sich um die Gäste aus den Reihen der schmucken SA-Leute geradezu rissen. […] Fast kein Haus in Dauernheim war ohne schwarz-weiß-rote oder Hakenkreuzfahne.“

Die beschriebene Situation war typisch für viele Bauerndörfer. Ein Reporter einer liberalen Frankfurter Zeitung berichtete im Juni 1932 von einer Fahrt durch Oberhessen, in zahlreichen Dörfern gebe es scheinbar nur noch ein einziges politisches Glaubensbekenntnis: Das Hakenkreuz.

2. Das Jahr 1933: Machtwechsel in Berlin

Das Jahr 1933 ist das Jahr des Machtwechsels in Berlin.

Am 30. Januar wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Und jetzt waren auch die Machtmittel des Staates in den Händen der Nationalsozialisten

Ich habe zu zeigen versucht, dass aus dem Blickwinkel unserer Dörfer das Jahr 1933 nicht der harte Scheidepunkt ist, wie es oberflächlich vielleicht den Eindruck macht: Die meisten evangelischen Dörfer Oberhessens waren schon vor 1933 gedanklich im Dritten Reich angekommen. Sie hatten sich bereits soweit gegenüber der Republik und der Demokratie entfremdet, so dass sie nicht mehr ernsthaft als Teil des Weimarer Staates bezeichnet werden konnten.

Freilich kann man aus der Berliner Sichtweise sagen, so wie das viele Historiker tun, dass die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler im Januar 1933 zu einem Zeitpunkt kam, als dies nicht mehr unbedingt zu erwarten war. Und dass letztlich erst ein Intrigenspiel um den greisen Reichspräsidenten und der Einfluss von ostelbischen Großagrariern und einigen Schwerindustriellen Hitler die ihm bis dahin verschlossenen Türen zur Macht öffneten.

Genauso richtig ist aber auch, aus der Sicht unserer Dörfer zu sagen, dass im Januar 1933 die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler längst überfällig war.

3. Die Entwicklung nach 1933 bis hin zu den Ausschreitungen gegen Juden im Jahr 1938

Neben der Verfolgung der politischen Gegner steht das Dritte Reich für Rassenwahn und Judenverfolgung.

Ich möchte auch in diesem abschließenden Teil zunächst die Betroffenen, unsere jüdischen Mitbürger, sprechen lassen und Ihre Sichtweise wiedergeben – solange dies geht. Später dann erzählen die Gerichtsakten.

3.1 Ranstadt

Der Jude Werner Kahn aus Ranstadt, der 1939 Deutschland in Richtung USA verlassen konnte, berichtet in seiner Autobiographie von dem Beginn der Judenverfolgungen in Ranstadt:

„In dieser Zeit wurde das Leben meiner Eltern in Ranstadt unerträglich, da mehr und mehr Leute in die NSDAP eintraten und zu Judenhassern wurden. Nach einer Nacht, als jemand mehrere Schüsse in ihr Schlafzimmer feuerte, beschlossen sie, das Dorf zu verlassen. Glücklicherweise befand sich das Schlafzimmer im ersten Stock und die Kugeln schlugen in der Decke ein.“

 Anfang der 30er Jahre wohnten drei jüdische Familien in Ranstadt: Neben der erwähnten Familie Kahn noch die Familien Strauß und Hess. Die Familien Kahn und Strauß hatten Ranstadt bereits vor 1938 verlassen. Kahn erzählt dazu:

„Als ich zehn Jahre alt war, kam Hitler an die Macht. Als 1935 jüdische Kinder keine öffentlichen Schulen mehr besuchen durften, schickten mich meine Eltern nach Frankfurt, um eine jüdische Schule zu besuchen.“

Werner Kahn erlebte den November 1938 als 15jähriger in Frankfurt. Er schildert uns:

„Am 9. November 1938 sah ich Rauch aus der Synagoge in der Friedberger Anlage aufsteigen, als ich zur Arbeit fuhr. Dieser Tag wurde als Kristallnacht bekannt. Jüdische Geschäfte wurden geplündert und die Schaufenster eingeschlagen. Viele jüdische Männer wurden zusammengetrieben und in Konzentrationslager gebracht. Das war der Anfang der Verfolgung von Millionen Menschen, die dort umkamen. Kurz nachdem ich an diesem Morgen mit der Arbeit begonnen hatte, kam die Gestapo in das Büro und befahl, dass alle männlichen Angestellten zum Eingangstor kommen sollten. Viele wurden weggebracht, auch die ältesten Lehrlinge. Als sie zu mir kamen, sagten sie, ich sei zu jung, ‚wo die hingehen, gibt es keinen Kindergarten’. Sie wurden alle nach Buchenwald gebracht.“

Wie es den Juden, die in Ranstadt geblieben waren, im November 1938 erging, davon erzählen die Gerichts- und die Spruchkammerakten:

„Gegen 19 Uhr versammelte sich die Ranstädter SA und begab sich zum Haus des jüdischen Mitbürgers Hess, vor dem sich schon eine größere Menschenmenge angesammelt hatte. Einige SA-Männer drangen sodann in das Haus ein und nahmen den jüdischen Bürger Hess fest, der zur Bürgermeisterei zum Abtransport nach Nidda geschafft wurde.

Währenddessen wurden auch die Einrichtungsgegenstände im Hause Hess zerschlagen. Hierbei warfen die Eindringlinge ein Regal mit dem Eingemachten um.“ Einer der Täter hatte Frau Hess den Klosetteimer an den Kopf geworfen.

„Der Dorflehrer begab sich dann anschließend in die Gesangsstunde des Gesangvereins Ranstadt, dessen Dirigent er war. Gegen 22 Uhr brach er diese Gesangstunde vorzeitig ab und forderte sämtliche anwesenden Mitglieder auf, mit zu dem Haus Hess zu gehen und dort das Zerstörungswerk fortzusetzen: ‚Auf, jetzt geht es zum Juden!’ Unter Anführung des Lehrers zog sodann eine größere Menschenmenge zu dem Haus Hess und zerstörte dort die noch vorhandenen Einrichtungsgegenstände.

Gegen 23 Uhr kamen dann noch weitere SA-Männer auf Aufforderung des damaligen Kreisleiters hinzu und beteiligten sich aktiv an dem Zerstörungswerk, in dem sie ebenfalls die Möbel und sonstige Einrichtungsgegenstände restlos zertrümmerten und herumwarfen. Dabei wurde das gesamte Porzellan zerschlagen, die Federbetten aufgeschnitten und die Betten durch die geschlossenen Fenster geworfen, so dass die Scheiben mit den Rahmen hinausflogen. Während dieser Zeit kamen weitere SA-Männer und holten die Geschäftsbücher aus der Wohnung Hess.“

„Die Bettfedern lagen noch tagelang auf den Straßen. Es war ein Bild furchtbarer Vernichtung. Nach den Zerstörungen zog die Bande nach Ober-Mockstadt und setzte dort ihr Werk fort.“

3.2 Ober-Mockstadt

Der Journalist Peter Neuhof, ein Halbjude, schrieb nach dem Ende des Dritten Reich auf der Basis von Tagebuch-Aufzeichnungen seine Erinnerungen nieder. Sein Vater Karl Neuhof stammte hier aus der Gegend. Neuhof beschreibt eindringlich die damalige Situation:

„Im März 1935 sind wir für einige Tage in Friedberg. Wenigstens einmal im Jahr will mein Vater seine Mutter sehen. […] Aber das Widersehen zwischen Mutter und Sohn in dieser Zeit wird von den Vorgängen in Deutschland überschattet. Kein Tag ohne Angriffe auf Juden. Am liebsten alles stehen und liegen lassen. Aber wohin? Und könnten alle mit, auch die Großmutter? Und was ist mit Edgar? Der ist schwerkriegsbeschädigt. Ja, viele verlassen bereits das Land, wir aber zögern, wägen ab, warten ab. Auf was noch? […]

Hat 1933, hat der Boykott, haben die vielen Monate der Arbeitslosigkeit, die Diffamierungen, die Anpöbeleien nicht gereicht? Und werden die Töne nicht täglich schriller?

Wir machen einen Abstecher nach Ober-Mockstadt, […] besuchen dort den Cousin meines Vaters, Isidor Reichenberg. Ist es ein letztes Wiedersehen mit dem Geburtsort [meines Vaters], mit [seinen] Verwandten? Auch in Ober-Mockstadt herrscht Ratlosigkeit, nicht Resignation.“

Ober-Mockstadt hatte eine Synagoge, in die auch die jüdischen Familien aus Ranstadt zum Gottesdienst gingen. Zwischen dem Jahr 1935 und 1938 war die jüdische Gemeinde jedoch aufgelöst worden, weil nicht mehr genügend jüdische Männer verblieben waren. Die Synagoge befand sich 1938 dann bereits in Privatbesitz.

 Ich lasse Peter Neuhof weiter erzählen. Wir springen einige Jahre und sind im Jahr 1938:

„Und dann November 1938: ‚Rache für von Rath’ schreit es aus den Lautsprechern und den Zeitungen. Der [Diplomat] stirbt in Paris unter den Kugeln des Herschel Grynszpan. Ist es die Tat eines Verzweifelten? […] Es wird die Nacht der Braunen, […] auch ‚Reichskristallnacht’ genannt. Es ist schon lange Nacht in Deutschland, auch für Juden. Es könne nicht der geringste Zweifel darüber bestehen – so der Oberhessische Anzeiger in einem Leitartikel – dass das Attentat des Juden Grynszpan die schwersten Folgen für die Juden in Deutschland […] haben müsse. Das Signal gibt Propagandachef Goebbels mit einer Hetzrede vor den ‚Alten Kämpfern’, die zum alljährlichen Treffen in München zusammengekommen sind. Die SA-Führer eilen zu den Telefonen und geben die Befehle. Die Kreisleitung der NSDAP […] ruft ihre Kommandos.“

Zu den Ausschreitungen in Ober-Mockstadt zitiere ich ebenfalls aus dem Prozessakten:

„Gegen 20 Uhr sammelte sich auf den Straßen Ober-Mockstadts eine größere Menschenmenge an, zumeist Jugendliche. Die Rädelsführer waren der Bürgermeister, der SA-Führer sowie der Ortsbauernführer […]. Sie hetzten die Meute auf und forderten sie auf, die jüdischen Bürger aus ihren Wohnungen herauszuholen, sie zu misshandeln und ihre Wohnungseinrichtungen zu zerstören. Einer der Rädelsführer sagte: ‚Heute Abend geht alles frei. Heute könnt ihr Euch einmal richtig austoben.’

Die Menschenmenge, darunter viel Hitlerjugend und Jungvolk, zog zunächst zu dem Grundstück des Juden Isidor Reichenberg und drang in dieses ein. Vor dem Haus sammelten sich mehr und mehr Menschen an, die mit den Eindringlingen sympathisierten und das Eindringen in das Haus durch Schreien und Johlen unterstützten. Kurz darauf hörte man lautes Krachen und Poltern. Die Inneneinrichtung wurde restlos kurz und klein geschlagen und teilweise auf die Straße geworfen.

Danach erschallten aus dem Haus gellende Hilferufe und Schmerzenschreie. Später wurde Isidor Reichenberg herausgeholt und von den Rädelsführern in Empfang genommen. Reichenberg war im Haus mit einem eisernen Schlagring schwer misshandelt worden. Er hatte eine große Kopfwunde, das linke Auge hing halb heraus und er war blutüberströmt. Er wurde in das Rathaus gebracht und man sperrte ihn dort ein. Isidor Reichenberg erlag einige Tage später im KZ Buchenwald seinen schweren Verletzungen.

Sodann zog die Menschenmenge zu dem Haus des jüdischen Mitbürgers Meyer und drang dort mit Gewalt ein. Die Haustüre wurde eingeschlagen. Weithin war das Krachen und Splittern zu hören. Kurze Zeit darauf wurde Meyer herausgeführt. Vor dem Haus wurde er mit einem Knüppel zweimal über den Kopf geschlagen, so dass er zusammenbrach. Hierauf trat ihm einer der Rädelsführer ins Gesäß und schrie: ‚Stell dich nicht so schlecht.’ Er packte ihn erneut am Arm, riss ihn hoch und brachte ihn, begleitet von einer großen Menschenmenge, zum Rathaus, wo er ebenfalls eingesperrt wurde.

 […]. In der Nacht wurden die festgenommenen jüdischen Bürger, wie auch ihre Leidensgenossen aus Ranstadt, mit dem Kraftwagen nach Nidda gebracht.“

Wie eingangs gesagt: In Ranstadt und Ober-Mockstadt hat sich damals nichts „Besonderes“ ereignet. Oder zumindest nichts, was es nicht auch in den umliegenden Bauerndörfern gegeben hätte. Insgesamt wurden in jenen November-Tagen 30.000 jüdische Mitbürger inhaftiert und in die Konzentrationslager in Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen gebracht.

D i e   T o t e n   m a h n e n   d i e   L e b e n d e n.

Michael Strecker, Büdingen 9. November 2017

veröffentlicht am: 10.11.2017

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